Systemische Korruptionsrisiken im Bau- und Immobiliensektor
- Bernhard Metzger

- 19. Jan.
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 20. Jan.
Strukturelle Ursachen, operative Schwachstellen und strategische Handlungsoptionen für Unternehmen der Bau- und Immobilienwirtschaft
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Einordnung aktueller Korruptionsfälle als Ausgangspunkt struktureller Analyse
Korruption und wirtschaftskriminelle Handlungen im Bau- und Immobiliensektor werden häufig als isolierte Einzelfälle interpretiert. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz. Die hohe Komplexität von Bauprojekten, die Vielzahl beteiligter Akteure sowie die erhebliche Kapitalintensität schaffen strukturelle Rahmenbedingungen, in denen Compliance-Risiken, Interessenkonflikte und Manipulationspotenziale systematisch entstehen können. Besonders anfällig sind dabei Vergabeprozesse, das Nachtragsmanagement, Leistungsabrechnungen sowie die Steuerung externer Dienstleister und Nachunternehmer.
Diese strukturellen Risiken werden besonders deutlich, wenn strafrechtliche Ermittlungen und Gerichtsverfahren öffentlich werden. Zwei aktuelle Berichte liefern hierzu belastbares Anschauungsmaterial und markieren den empirischen Ausgangspunkt für die folgende Analyse.
Der erste Beitrag beschreibt die strafrechtliche Verurteilung zweier ehemaliger Führungskräfte des Wohnungsunternehmens Vonovia. Im Mittelpunkt stehen systematische Bestechung, verdeckte Vorteilsgewährungen und manipulierte Auftragsvergaben über mehrere Jahre hinweg. Der Fall verdeutlicht, wie unzureichende Trennung von Entscheidungs-, Prüf- und Kontrollfunktionen externe Korruptionsstrukturen begünstigen kann.
=> Zum Beitrag auf ntv "Zwei Ex-Vonovia-Manager müssen wegen Korruption ins Gefängnis"
Der zweite Beitrag beleuchtet einen Fall interner Wirtschaftskriminalität beim Bauunternehmen Goldbeck. Mehrere Mitarbeitende sollen ihre Positionen genutzt haben, um Subunternehmervergaben gezielt zu manipulieren und das Unternehmen über einen langen Zeitraum finanziell zu schädigen. Der Fokus liegt hier auf Defiziten in interner Governance, Revision und Früherkennung.
=> Zum Beitrag des WDR: "Bau-Unternehmen Goldbeck betrogen: Mitarbeiter angeklagt"
Aus fachlicher Perspektive des Risikomanagements und der Bau-Revision sind diese Fälle nicht primär moralisch zu bewerten. Sie sind als Symptome struktureller Schwächen zu verstehen, die in vielen Organisationen des Bau- und Immobiliensektors in ähnlicher Form vorhanden sind. Entscheidend ist daher nicht die Frage nach individueller Schuld, sondern nach den organisatorischen, prozessualen und kulturellen Rahmenbedingungen, die solche Entwicklungen über Jahre hinweg ermöglichen.
Der folgende Beitrag zeigt systematisch auf, welche strukturellen Ursachen diesen Fällen zugrunde liegen, welche Risikomuster sich daraus ableiten lassen und wie Unternehmen der Bau- und Immobilienwirtschaft ihre Steuerungs-, Kontroll- und Governance-Systeme zukunftsfähig ausrichten können.

Bildquelle: BuiltSmart Hub - www.built-smart-hub.com
Inhaltsverzeichnis
Strukturelle Korruptionsanfälligkeit im Bau- und Immobiliensektor
Fallanalyse Vonovia und Goldbeck als Spiegel organisatorischer Schwächen
Operative Risikofaktoren in Vergabe- und Projektstrukturen
Governance, Revision und Datenanalyse als integriertes Steuerungsinstrument
Fazit und strategischer Ausblick für mittelständische Unternehmen
1. Strukturelle Korruptionsanfälligkeit im Bau- und Immobiliensektor
Die Bau- und Immobilienwirtschaft weist eine Reihe branchenspezifischer Merkmale auf, die sie besonders anfällig für Korruptions- und Betrugsrisiken machen. Diese Risiken entstehen nicht zufällig, sondern sind das Ergebnis historisch gewachsener Strukturen und projektbasierter Wertschöpfungsmodelle.
Zentral ist die hohe Fragmentierung der Leistungserbringung. Bauprojekte werden in zahlreiche Einzelgewerke, Lose und Subleistungen aufgeteilt. Diese Struktur erhöht die Anzahl der Schnittstellen und damit auch die Anzahl potenzieller Einflussnahmen. Gleichzeitig bestehen häufig asymmetrische Informationsverhältnisse zwischen Auftraggebern, Projektsteuerung, Planung und ausführenden Unternehmen.
Ein weiterer wesentlicher Faktor ist der hohe Ermessensspielraum in frühen Projektphasen. Entscheidungen über Vergaben, Nachträge oder Leistungsänderungen erfolgen oft unter Zeitdruck und auf Basis unvollständiger Informationen. Wo Ermessensentscheidungen nicht durch transparente Kriterien und wirksame Kontrollen flankiert werden, entstehen ideale Bedingungen für verdeckte Absprachen.
Die folgende Tabelle zeigt zentrale strukturelle Risikotreiber im Überblick.
Risikotreiber | Beschreibung | Typische Auswirkungen |
Fragmentierte Wertschöpfung | Vielzahl von Gewerken und Subunternehmern | Intransparente Vergabestrukturen |
Hoher Ermessensspielraum | Subjektive Entscheidungen bei Vergaben und Nachträgen | Manipulationspotenzial |
Projektbasierte Organisation | Temporäre Projektteams mit wechselnden Rollen | Verantwortungsdiffusion |
Zeit- und Kostendruck | Enge Termin- und Budgetvorgaben | Umgehung formaler Prozesse |
Tabelle 1: Strukturelle Korruptionsrisiken im Bau- und Immobiliensektor

Abbildung 1: Korruption im Bauwesen beruht auf strukturellen Schwächen und lässt sich nur durch Governance, unabhängige Revision und datenbasierte Früherkennung wirksam begrenzen.
Korruption im Bauwesen ist selten ein individuelles Fehlverhalten ohne Kontext. Sie ist häufig das Ergebnis struktureller Rahmenbedingungen, die Fehlanreize setzen und Kontrolllücken begünstigen. Eine wirksame Prävention muss daher systemisch ansetzen und über formale Compliance-Regeln hinausgehen.
2. Fallanalyse Vonovia und Goldbeck als Spiegel organisatorischer Schwächen
Die Fälle Vonovia und Goldbeck unterscheiden sich in ihrer konkreten Ausprägung. Gemeinsam ist ihnen jedoch ein grundlegendes Versagen interner Kontroll- und Steuerungsmechanismen.
Im Fall Vonovia standen externe Dienstleister im Mittelpunkt, die über Jahre hinweg durch Bestechung bevorzugt Aufträge erhielten. Entscheidungsbefugnisse waren auf wenige Personen konzentriert. Gleichzeitig fehlten wirksame Prüfmechanismen zur Plausibilisierung von Rechnungen und Leistungsnachweisen. Besonders kritisch war die fehlende Trennung zwischen Vergabeentscheidung, Leistungsprüfung und Abrechnung.
Der Fall Goldbeck zeigt eine andere Risikodimension. Hier nutzten interne Mitarbeitende ihre Position, um über manipulierte Subunternehmervergaben persönliche Vorteile zu erlangen. Auffällig ist, dass diese Praktiken über einen langen Zeitraum unentdeckt blieben. Dies deutet auf Defizite in der internen Revision, der datenbasierten Kontrolle und der Rotation von Verantwortlichkeiten hin.
Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten lassen sich strukturiert gegenüberstellen.
Dimension | Vonovia | Goldbeck |
Hauptakteure | Externe Dienstleister und interne Entscheider | Interne Mitarbeitende |
Mechanismus | Bestechung und fingierte Rechnungen | Manipulierte Vergaben |
Kontrollversagen | Schwache Rechnungsprüfung | Fehlende Prozessüberwachung |
Zentrale Schwäche | Lieferantenmanagement | Interne Governance |
Tabelle 2: Vergleich der Risikoprofile Vonovia und Goldbeck
Beide Fälle verdeutlichen, dass Korruption sowohl von außen als auch von innen wirken kann. Entscheidend ist nicht die Herkunft des Risikos, sondern die Fähigkeit der Organisation, kritische Muster frühzeitig zu erkennen und wirksam zu unterbinden.
3. Operative Risikofaktoren in Vergabe- und Projektstrukturen
Operative Risiken entstehen dort, wo strategische Vorgaben in konkrete Prozesse übersetzt werden. Besonders kritisch sind Vergabe-, Nachtrags- und Abrechnungsprozesse. Hier treffen hohe finanzielle Volumina auf operative Detailentscheidungen.
Ein häufig unterschätzter Risikofaktor ist die mangelnde Standardisierung von Vergabekriterien. Werden qualitative und quantitative Kriterien nicht klar definiert, entsteht Interpretationsspielraum. Dieser Spielraum kann bewusst oder unbewusst missbraucht werden.
Hinzu kommt, dass viele Unternehmen noch immer auf retrospektive Kontrollen setzen. Prüfungen erfolgen erst nach Projektabschluss oder bei Verdachtsfällen. Moderne Risikosteuerung erfordert jedoch präventive und kontinuierliche Überwachung, insbesondere durch datenbasierte Analysen.
Operative Korruptionsrisiken sind eng mit der Ausgestaltung von Prozessen verknüpft. Transparenz, Standardisierung und kontinuierliche Überwachung sind zentrale Stellhebel zur Risikominimierung.
4. Governance, Revision und Datenanalyse als integriertes Steuerungsinstrument
Wirksame Prävention erfordert ein integriertes Zusammenspiel von Governance, interner Revision und digitaler Datenanalyse. Einzelmaßnahmen bleiben wirkungslos, wenn sie nicht in ein konsistentes Gesamtsystem eingebettet sind.
Governance definiert die Spielregeln. Revision überprüft deren Einhaltung. Datenanalyse schafft Transparenz über tatsächliche Verhaltensmuster. Erst das Zusammenspiel dieser Elemente ermöglicht eine belastbare Steuerung komplexer Projektorganisationen.
Ein zentraler Erfolgsfaktor ist die Etablierung klarer Verantwortlichkeiten und Eskalationswege. Ebenso wichtig ist die Unabhängigkeit der Revision von operativen Einheiten. Nur so können kritische Sachverhalte objektiv bewertet werden.
Governance und Revision dürfen nicht als Kontrollinstanzen am Rand der Organisation verstanden werden. Sie sind integraler Bestandteil einer leistungsfähigen Unternehmenssteuerung im Bau- und Immobiliensektor.
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Sie möchten keine unnötigen Risiken mehr eingehen, keine Unklarheiten bei Vergaben, keine Überraschungen bei der Abrechnung? Dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt, Ihre Bauprojekte strukturiert abzusichern, mit klaren Prüfmechanismen, fundierter Prozessanalyse und einem wirkungsvollen Kontrollsystem, das wirtschaftliches Handeln nachvollziehbar macht.
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5. Fazit und strategischer Ausblick für mittelständische Unternehmen
Die analysierten Fälle machen deutlich, dass Korruptionsrisiken kein Randthema sind. Sie betreffen den Kern der Wertschöpfung in Bau- und Immobilienunternehmen. Für mittelständische Unternehmen ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag.
Vergabe- und Abrechnungsprozesse sollten konsequent standardisiert und dokumentiert werden.
Der Einsatz datenbasierter Prüfverfahren ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.
Die interne Revision muss als strategischer Partner der Unternehmensführung positioniert werden.
Praxisnahe Learnings lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Transparenz schlägt Vertrauen, insbesondere bei hohen finanziellen Volumina.
Früherkennung ist wirksamer als Sanktionierung im Nachhinein.
Digitale Werkzeuge erhöhen die Prüfqualität, wenn sie richtig eingesetzt werden.
Strategisch betrachtet bietet eine professionelle Risiko- und Revisionsstruktur nicht nur Schutz vor Fehlverhalten. Sie schafft Vertrauen bei Investoren, Auftraggebern und Mitarbeitenden. Für mittelständische Unternehmen kann dies zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden.
Korruptionsprävention ist damit kein Kostenfaktor, sondern ein zentraler Baustein nachhaltiger Unternehmensentwicklung in der Bau- und Immobilienwirtschaft.
Über BuiltSmart Hub
BuiltSmart Hub zählt zu den führenden Plattformen für innovative Technologien, Baupraktiken und Produkte, die das Planen, Bauen und Betreiben von Gebäuden effizienter, nachhaltiger und zukunftsorientierter gestalten.
Gegründet von Bernhard Metzger - Bauingenieur, Projektentwickler und Fachbuchautor mit über 35 Jahren Erfahrung - bietet BuiltSmart Hub fundierte, gut aufbereitete Inhalte rund um digitale Innovationen, smarte Methoden und strategische Entwicklungen in der Bau- und Immobilienbranche.

Die Themenvielfalt reicht von Künstlicher Intelligenz, Robotik und Automatisierung über Softwarelösungen, BIM und energieeffizientes Bauen bis hin zu Fragen des Gebäudebetriebs, Lebenszyklusmanagements und der digitalen Transformation. Darüber hinaus widmet sich BuiltSmart Hub zentralen Managementthemen wie Risikomanagement, strategischem Controlling, Lean- und Agile-Methoden, Kennzahlensteuerung, Zeitmanagement sowie dem Aufbau zukunftsfähiger Zielbetriebsmodelle (Target Operating Models, TOM). Auch der professionelle Umgang mit toxischen Dynamiken in Organisationen und Teams wird thematisiert, mit dem Ziel, gesunde, leistungsfähige Strukturen im Bau- und Immobilienumfeld zu fördern.
Ergänzt wird das Angebot durch einen begleitenden Podcast, der ausgewählte Beiträge vertieft und aktuelle Impulse für die Praxis liefert.
Inhaltlich eng verzahnt mit der Fachbuchreihe SMART WORKS, bildet BuiltSmart Hub eine verlässliche Wissensbasis für Fach- und Führungskräfte, die den Wandel aktiv mitgestalten wollen.
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Kontakt
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