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Handlungsfähigkeit sichern, wenn Schlüsselpersonen fehlen

  • Autorenbild: Bernhard Metzger
    Bernhard Metzger
  • vor 6 Tagen
  • 13 Min. Lesezeit

Sieben Maßnahmen zur strukturierten Vorbereitung auf kritische Mitarbeiterausfälle in Bau- und Immobilienunternehmen

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Mitarbeiterausfälle als strukturelle Herausforderung der Bau- und Immobilienwirtschaft


Unvorhergesehene Personalausfälle können Unternehmen in der Bau- und Immobilienwirtschaft empfindlich treffen. Ob ein erfahrener Bauprojektleiter nach einem Unfall plötzlich ausfällt oder die Leitung einer Immobilienabteilung krankheitsbedingt wochenlang fehlt, der Schlüsselpersonen-Ausfall stellt ein erhebliches Risiko dar. Als Schlüsselperson wird ein Mitarbeiter bezeichnet, der aufgrund seines besonderen Fachwissens, seiner Erfahrung oder wichtiger Kontakte für das Unternehmen von großer Bedeutung ist. Dessen plötzliches Fehlen kann zu erheblichen operativen Problemen und finanziellen Einbußen führen.


Tatsächlich dauern krankheitsbedingte Abwesenheiten in körperlich fordernden Branchen wie dem Baugewerbe im Durchschnitt rund 21 Tage je Fall und gehören damit zu den längsten in der Wirtschaft. Zugleich erschwert der anhaltende Fachkräftemangel die schnelle Nachbesetzung. Fast die Hälfte der Bauunternehmen (49 %) hat laut Umfragen Schwierigkeiten, offene Stellen adäquat zu besetzen. Spätestens die COVID-19-Pandemie hat zudem vor Augen geführt, wie plötzlich und zugleich umfassend Personalausfälle auftreten können. Diese Konstellation macht deutlich, dass Unternehmen ohne vorbeugende Planung im Ernstfall vor großen Herausforderungen stehen.


Dennoch verfügt bislang nur knapp ein Drittel der Unternehmen über einen formellen Notfallplan für Krisensituationen. In vielen Betrieben fehlt es an strukturierten Vorkehrungen, um den Geschäftsbetrieb bei Ausfällen zentraler Mitarbeiter aufrechtzuerhalten. Hier setzt das Business Continuity Management (BCM) an. Es handelt sich um ein strategisches Konzept, dessen Kernaufgabe darin besteht, die Fortführung kritischer Geschäftsfunktionen im Notfall sicherzustellen und Folgeschäden durch Betriebsunterbrechungen zu minimieren. Ein effektives Notfallmanagement für Personalausfälle ist ein zentraler Bestandteil dieser unternehmensweiten Resilienzstrategie, und damit Chefsache.


Der folgende Beitrag zeigt sieben essenzielle Maßnahmen, mit denen Fach- und Führungskräfte in der Bau- und Immobilienbranche ihr Unternehmen gezielt auf potenzielle Mitarbeiterausfälle vorbereiten können.


Bildquelle: BuiltSmart Hub - www.built-smart-hub.com



Inhaltsverzeichnis


  1. Risiken analysieren und Business Continuity Management etablieren

  2. Wissensmanagement etablieren und kritische Prozesse dokumentieren

  3. Stellvertreter benennen und Nachfolgeplanung formalisieren

  4. Redundante Kompetenzpools aufbauen

  5. Externe Partnerschaften aufbauen und Interimslösungen vorbereiten

  6. Steuerungskennzahlen festlegen und Wiederanlaufzeiten bestimmen

  7. Notfallübungen durchführen und Resilienz stärken

  8. Handlungsempfehlungen und strategischer Ausblick für mittelständische Unternehmen



1. Risiken analysieren und Business Continuity Management etablieren


Der erste Schritt zu einem robusten Notfallmanagement besteht darin, die Risikolandschaft im Unternehmen systematisch zu analysieren. Welche personellen Single Points of Failure bestehen, also welche Funktionen hängen kritisch an einzelnen Mitarbeitern? Mittels einer gründlichen Risikoanalyse sollten alle Schlüsselpositionen identifiziert und die möglichen Auswirkungen eines Ausfalls bewertet werden (Business Impact Analyse). Szenario-Workshops nach dem Prinzip „Was wäre, wenn…?“ helfen dabei, realistische Ausfallszenarien durchzuspielen, etwa den plötzlichen krankheitsbedingten Wegfall eines Bauleiters mitten in der Projektphase. Wichtig ist, nicht nur individuelle Risiken, sondern auch Kaskadeneffekte zu betrachten: Fällt beispielsweise der einzige IT-Administrator aus, kann dies in Bau- und Immobilienunternehmen indirekt ganze Projektabläufe lahmlegen, wenn essenzielle digitale Baustellenkoordinationstools ausfallen.


Auf Basis dieser Analyse gilt es, das Business Continuity Management fest im Unternehmen zu verankern. Dabei wird ein unternehmensweiter Notfallplan (Business Continuity Plan) ausgearbeitet, der klare Handlungsanweisungen für den Ernstfall enthält, von Kommunikationswegen über Zuständigkeiten bis hin zu Ressourcenallokationen. So sollte etwa definiert sein, wer im Krisenstab welche Rolle übernimmt, wen es bei einem Mitarbeiterausfall umgehend zu informieren gilt und wie die Arbeitsabläufe interimistisch aufrechterhalten werden. Gerade kleinere Unternehmen vernachlässigen solche Präventionspläne häufig (nur rund 15 % der Betriebe unter 50 Mitarbeitern verfügen über einen Notfallplan), doch auch Mittelständler der Bauindustrie dürfen das Thema nicht als „Luxus“ der Konzerne abtun. BCM bedeutet vielmehr, proaktiv organisatorische Vorkehrungen zu treffen, damit ein personeller Notfall nicht zur existenziellen Krise eskaliert. Die Unternehmensleitung sollte das Continuity Management zur Chefsache machen und dessen regelmäßige Aktualisierung sicherstellen. Im Ergebnis entsteht ein strategischer Bezugsrahmen, auf dem alle weiteren operativen Maßnahmen der Notfallvorsorge aufbauen können.



2. Wissensmanagement etablieren und kritische Prozesse dokumentieren


Eng mit der Risikovorsorge verknüpft ist ein systematisches Wissensmanagement im Unternehmen. Häufig steckt wichtiges Know-how nur in den Köpfen einzelner Experten, anstatt zentral dokumentiert oder aktiv im Team geteilt zu werden. Die Folge: Viele Abläufe sind nicht schriftlich fixiert und hängen an bestimmten Personen. Fällt einer davon aus, geht mit ihm auch das Wissen und der Überblick verloren. Dem gilt es vorzubeugen, indem alle kritischen Prozesse, Abläufe und Zuständigkeiten klar beschrieben und für Befugte zugänglich gemacht werden.


Konkret sollte jedes Unternehmen der Bau- und Immobilienbranche ein zentrales Wissensarchiv aufbauen, etwa in Form einer digitalen Wissensdatenbank oder eines gut strukturierten Notfallordners. Darin sind die essenziellen Informationen hinterlegt, etwa Projektstände, Kunden- und Partnerkontakte, Passwörter und Zugänge zu wichtigen Systemen, Ablaufbeschreibungen für Kernprozesse sowie Ansprechpartner für Vertretungen. Idealerweise werden Standard Operating Procedures (SOPs) für wiederkehrende Aufgaben erstellt, sodass Vertretungen im Krankheitsfall Schritt-für-Schritt-Anleitungen vorfinden und routiniert weiterarbeiten können. Ebenso sinnvoll ist eine konsequente Dokumentation aller Entscheidungen und Projektfortschritte, zum Beispiel in Bautagebüchern, Übergabeprotokollen oder einem zentralen Projektmanagement-Tool.


Nicht zuletzt gilt es, eine Kultur des Wissensaustauschs zu fördern. Mitarbeiter sollten ermutigt werden, ihr Erfahrungswissen aktiv weiterzugeben, z. B. durch interne Schulungen oder gemeinsame Projekt-Nachbesprechungen, damit Wissen nicht als Machtinstrument zurückgehalten wird. Eine solche Wissenssicherung stellt sicher, dass im Vertretungsfall nicht alles bei null beginnt, sondern neue Verantwortliche nahtlos an bestehendes Wissen anknüpfen können. Insgesamt schafft ein etabliertes Wissensmanagement die Grundlage dafür, dass personelle Ausfälle den Betriebsablauf deutlich weniger beeinträchtigen.



3. Stellvertreter benennen und Nachfolgeplanung formalisieren


Neben der Dokumentation von Wissen ist die organisatorische Vorbereitung von Vertretungen entscheidend. Für jede Schlüsselposition im Unternehmen sollte im Voraus festgelegt sein, wer bei einem plötzlichen Ausfall als Stellvertreter einspringt. Diese Stellvertreter-Regelungen gehören schriftlich festgehalten (etwa in einer Vertretungsmatrix), sodass im Ernstfall keine zeitaufwändige Klärung nötig ist, sondern jeder weiß, wer welche Verantwortung übernimmt. Wichtig ist, den Stellvertretern auch die erforderlichen Befugnisse einzuräumen, damit sie Entscheidungen treffen und den Betrieb wirklich aufrechterhalten können. Insbesondere in Projekten der Bau- und Immobilienbranche, wo Zeitpläne eng getaktet sind, muss klar definiert sein, wer z.B. die Bauleitung übernimmt, falls der Projektleiter kurzfristig ausfällt.


Darüber hinaus braucht es eine formalisierte Nachfolgeplanung für den längerfristigen Ersatz kritischer Rollen. Hierbei wird pro Schlüsselposition überlegt, wer perspektivisch als Nachfolger in Frage kommt, sollte der aktuelle Stelleninhaber das Unternehmen verlassen (etwa durch Ruhestand oder Wechsel). Idealerweise werden interne Talente identifiziert und durch gezielte Entwicklung auf zukünftige Führungs- oder Schlüsselaufgaben vorbereitet. Wo interne Kandidaten fehlen, gilt es frühzeitig externe Optionen zu sondieren, sei es durch Rekrutierungsnetzwerke oder die Zusammenarbeit mit Interim-Managern. Entscheidend ist, dass Nachfolgeüberlegungen nicht dem Zufall überlassen bleiben, sondern als fester Bestandteil der Personalstrategie verankert sind.


Die folgende Tabelle zeigt beispielhaft, wie eine kombinierte Stellvertretungs- und Nachfolgeplanung für ausgewählte Schlüsselpositionen aussehen kann:

Schlüsselposition

Kurzfristige Stellvertretung (Ausfall)

Langfristige Nachfolgelösung (bei Vakanz)

Projektleiter (Großbauprojekt)

Bauleiter des Projekts übernimmt interimistisch

Junior-Projektleiter wird als Nachfolger aufgebaut

Abteilungsleiter Immobilienmanagement

Stellv. Abteilungsleiter führt Abteilung übergangsweise

Erfahrene Fachkraft der Abteilung wird intern befördert

IT-Systemadministrator

Externer IT-Service übernimmt vorübergehend Support

Externe Nachbesetzung über Personaldienstleister geplant

Tabelle 1: Beispiel einer Stellvertreter- und Nachfolgeplanung

Wie Tabelle 1 verdeutlicht, wird für jede Position proaktiv festgelegt, wer sofort einspringen kann und wer die dauerhafte Nachfolge antreten soll. Solche Übersichten vermeiden Führungsvakuum und Kompetenzverluste im Krisenfall. Allerdings genügt es nicht, Namen auf dem Papier zu bestimmen, die vorgesehenen Stellvertreter müssen auch fachlich in der Lage sein, die Aufgaben zu schultern. Daher sind im nächsten Schritt gezielte Qualifizierungsmaßnahmen und Überschneidungen im Kompetenzprofil erforderlich, damit die Vertretungen im Ernstfall tatsächlich greifen.



4. Redundante Kompetenzpools aufbauen


Um Stellvertretungen im Ernstfall wirksam werden zu lassen, müssen die entsprechenden Personen über die nötigen Kompetenzen verfügen. Es reicht nicht, Namen zu benennen, die Vertretenden sollten die Aufgaben des Kollegen auch praktisch beherrschen. Daher ist ein gezieltes Cross-Training im Team essenziell, indem Mitarbeiter planmäßig in mehreren Aufgabenbereichen geschult werden, sodass für jede kritische Funktion stets mehr als eine qualifizierte Person zur Verfügung steht. Dieses Prinzip erhöht den sogenannten Bus-Faktor des Unternehmens, jene Kennzahl, die angibt, wie viele Personen maximal ausfallen dürfen, bevor ein Prozess zum Erliegen kommt. Ein Bus-Faktor von 1 (nur eine Person kennt den Prozess) ist die denkbar schlechteste Situation. Durch redundante Kompetenzpools sollte für alle Schlüsselaufgaben mindestens ein zweiter (besser: dritter) Mitarbeiter eingearbeitet sein, um den Bus-Faktor zu erhöhen und Single Points of Failure zu eliminieren.


Abbildung 1: Operative Kernmaßnahmen zur Erhöhung des Bus-Faktors und zur kurzfristigen Absicherung bei Mitarbeiterausfällen

In der Praxis bewährt es sich, Rotations- und Vertretungspläne fest in den Arbeitsalltag zu integrieren. Zum Beispiel können teamintern Job-Rotation-Phasen eingeführt werden, in denen Mitarbeiter zeitweise die Aufgaben ihrer Kollegen übernehmen, um deren Tätigkeiten kennenzulernen. Auch Urlaubsvertretungen sollten so organisiert sein, dass nicht der zurückgekehrte Mitarbeiter sämtliche liegengebliebenen Aufgaben abarbeiten muss. Vielmehr sollte der Vertreter während der Abwesenheit wirklich einspringen und wichtige Vorgänge weiterführen. So wird sichergestellt, dass im Fall eines ungeplanten Ausfalls (z. B. durch Unfall) nicht plötzlich niemand weiß, wie bestimmte Projekte oder Systeme weiterzuführen sind.


Zusätzlich können Job Shadowing (mitlaufen bei Kollegen) und interne Workshops den Wissens- und Fertigkeitstransfer fördern. Wichtig ist eine offene Kultur. Mitarbeiter dürfen Vertretung nicht als Misstrauen oder Bedrohung empfinden, sondern als sinnvolle Maßnahme der Qualitätssicherung. Das Management kann hierfür Anreize schaffen, etwa indem Vielseitigkeit und Teamwork in der Leistungsbeurteilung positiv berücksichtigt werden. Langfristig entsteht so ein flexibles, belastbares Team, in dem der Ausfall einzelner kaum noch den Fortgang von Projekten gefährdet. Anders ausgedrückt, die organisationale Resilienz steigt mit jeder überlappenden Kompetenz.



5. Externe Partnerschaften aufbauen und Interimslösungen vorbereiten


Trotz aller internen Vorkehrungen gibt es Situationen, in denen unternehmensexterne Unterstützung nötig wird, etwa wenn hochspezialisierte Fachkräfte ausfallen oder interne Kapazitäten erschöpft sind. Hier zahlt es sich aus, frühzeitig externe Partnerschaften zu knüpfen. Unternehmen der Bau- und Immobilienwirtschaft sollten ein Netzwerk verlässlicher Freelancer, Dienstleister oder Partnerfirmen aufbauen, die im Notfall einspringen können. Beispielsweise kann ein Architekturbüro kooperierende freie Architekten in der Hinterhand halten oder ein Bauunternehmen Rahmenverträge mit Zeitarbeitsfirmen und Subunternehmern abschließen, um bei plötzlichem Personalengpass schnell kompetentes Personal nachzuziehen. Für Führungs- und Schlüsselpositionen bietet sich der Rückgriff auf Interim-Manager an, erfahrene Führungskräfte auf Zeit, die temporär einspringen können. Dieser Markt hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. So waren 2023 in Deutschland rund 12.000 Interim-Manager zu nahezu 90 % ausgelastet, so gefragt wie nie zuvor.


Wichtig ist, solche externen Interimslösungen sorgfältig vorzubereiten. Das bedeutet, potenzielle Kandidaten oder Dienstleister vorab zu identifizieren, Verträge und Geheimhaltungserklärungen bereit zu halten und idealerweise einen Onboarding-Prozess in der Schublade zu haben, um Externe im Ernstfall schnell einarbeiten zu können. Siehe hierzu auch den Blogbeitrag: "Professionelles Onboarding im Bauwesen als strategischer Erfolgsfaktor". Auch die Zusammenarbeit mit pensionierten ehemaligen Mitarbeitern kann erwogen werden, da viele Ruheständler mit ihrem Erfahrungswissen gelegentlich noch beratend zur Verfügung stehen, wenn man den Kontakt hält.


Interne und externe Vertretungslösungen unterscheiden sich zwar in einigen Punkten deutlich (siehe Tabelle 2), doch sie verfolgen ein gemeinsames Ziel: die Kontinuität des Betriebs sicherzustellen.

Kriterium

Interne Vertretung

Externe Interimslösung

Verfügbarkeit

sofort verfügbar (bereits im Unternehmen)

Verzögerung durch Suche und Onboarding

Einarbeitungsaufwand

gering (kennt interne Abläufe)

hoch (muss interne Prozesse kennenlernen)

Kosten

gering (nur temporäre Mehrarbeit)

hoch (Honorar oder Tagessatz)

Know-how

Unternehmensspezifisches Wissen vorhanden

Fachkenntnis, aber kein Firmenwissen

Bindung/Kontinuität

dauerhaft verfügbar, Wissen bleibt im Haus

nur temporär an Bord, Wissensabfluss möglich

Tabelle 2: Interne versus externe Vertretungslösungen im Vergleich

Wie Tabelle 2 verdeutlicht, sind interne Vertretungen meist schneller einsetzbar und kennen die betrieblichen Besonderheiten, während externe Kräfte frisches Expertenwissen mitbringen, jedoch eine Einarbeitung benötigen. Im Idealfall sorgen Unternehmen für eine Mischung aus beidem. Intern wird ein Grundstock an Vertretungskompetenz vorgehalten, und zusätzlich stehen erprobte externe Partner bereit, um Kapazitätsspitzen oder spezielle Aufgaben abzudecken. Entscheidend ist, dass im Krisenfall die externe Unterstützung nahtlos greift, durch frühzeitige Absprache, klare vertragliche Regelungen und definierte Ansprechpartner. So lassen sich selbst gravierende Personalausfälle überbrücken, ohne dass Projekte ins Stocken geraten.



6. Steuerungskennzahlen festlegen und Wiederanlaufzeiten bestimmen


Um die Notfallvorsorge professionalisiert zu betreiben, sollten klare Steuerungskennzahlen definiert werden. Solche Key Performance Indicators (KPIs) machen Fortschritte und Lücken messbar und ermöglichen eine zielgerichtete Steuerung. Beispielsweise kann eine Vertretungsquote festgelegt werden, also der Anteil der kritischen Positionen, für die ein Stellvertreter benannt ist, mit dem Zielwert 100 %. Ähnlich sinnvoll ist ein Dokumentationsgrad für Prozesse (angestrebter Zielwert ebenfalls 100 %). Auch die Ausfallrate an Krankheitstagen oder unbesetzten Stellen kann als Frühindikator dienen, ebenso die Anzahl durchgeführter Notfallübungen pro Jahr.


Zentral ist zudem die Bestimmung einer maximal tolerierbaren Ausfallzeit für wichtige Funktionen. Dieser Wert wird im Rahmen des Business Continuity Management als Recovery Time Objective (RTO) bezeichnet und definiert die längste akzeptable Unterbrechungsdauer eines Prozesses nach einem Ausfall. Für jeden Schlüsselprozess, etwa die Projektsteuerung auf einer Baustelle oder den IT-Betrieb, sollte ein konkretes RTO festgelegt werden, das nicht überschritten werden darf. Daraus leiten sich organisatorische und technische Vorkehrungen ab (z. B. muss bei einem RTO von 2 Tagen für den Baustellenbetrieb spätestens am dritten Tag eine Vertretung oder Ersatzlösung aktiv sein).


Abbildung 2: Kennzahlen zur Steuerung der Resilienz

Die folgende Tabelle zeigt einige ausgewählte Kennzahlen, die im Rahmen der Personalausfall-Vorsorge herangezogen werden können:

Kennzahl

Definition (Frage)

Zielwert (Beispiel)

Vertretungsquote

Anteil der Schlüsselpositionen mit benanntem Stellvertreter

(Sind für alle kritischen Rollen Vertreter eingeplant?)

100 % (für alle definierten Schlüsselrollen)

Dokumentationsgrad

Anteil der kritischen Prozesse mit aktueller Dokumentation

(Wie viel des Know-hows ist schriftlich festgehalten?)

100 % (alle Kernprozesse dokumentiert)

Recovery Time Objective (RTO)

Maximale tolerierbare Ausfallzeit eines wichtigen Prozesses

(Wie lange darf ein Prozess maximal unterbrochen sein?)

z. B. 2 Tage (unternehmensspezifisch festzulegen)

Abwesenheitsquote

Durchschnittliche krankheitsbedingte Fehltage pro Mitarbeiter und Jahr (Wie hoch ist der Personal-Ausfall im Jahresmittel?)

< Branchendurchschnitt (z. B. < 15 Tage/Jahr)

Notfallübungs-Frequenz

Anzahl der durchgeführten Notfalltests oder -übungen pro Jahr (Wird die Notfallplanung regelmäßig erprobt?)

≥ 1 vollständige Übung/Jahr

Tabelle 3: Beispielhafte Kennzahlen für die Personal-Notfallvorsorge

Anhand solcher Kennzahlen lässt sich kontinuierlich überprüfen, wie gut das Unternehmen auf Personalausfälle vorbereitet ist. Das Top-Management sollte diese Indikatoren in sein regelmäßiges Berichtswesen aufnehmen, etwa als Teil eines Krisen- oder Risikoberichts. Auffällige Werte (z. B. eine sinkende Vertretungsquote oder überschrittene RTO bei einer Stabsstelle) fungieren als Warnsignal und ermöglichen ein frühzeitiges Gegensteuern, bevor ein Ernstfall eintritt. Insgesamt schaffen quantifizierte Ziele Transparenz und Verantwortlichkeit. So werden Präventionsmaßnahmen nicht dem Bauchgefühl überlassen, sondern anhand harter Daten gesteuert und stetig verbessert.


Abbildung 3: Integrierter Handlungsrahmen aus Prävention, Resilienz und Steuerung zur Sicherung der Handlungsfähigkeit bei Mitarbeiterausfällen


7. Notfallübungen durchführen und Resilienz stärken


Planung und Vorbereitung bleiben wirkungslos, wenn sie nicht regelmäßig erprobt und aktualisiert werden. Daher sollten Unternehmen Notfallübungen und Simulationen durchführen, um die Wirksamkeit ihrer Vorkehrungen zu testen. In praxisnahen Szenarien, etwa einer unangekündigten „Ausfallübung“, bei der man simuliert, dass ein Schlüsselmitarbeiter ab morgen nicht zur Verfügung steht, zeigt sich, ob Vertretungspläne und Wissensdokumentationen greifen. Solche Drills decken Lücken und Schwachstellen auf. Womöglich stellt man fest, dass bestimmte Informationen doch nicht ausreichend dokumentiert sind oder dass die Stellvertreter mehr Training benötigen. Laut Studien führen allerdings über zwei Drittel der Unternehmen keinerlei Krisen- oder Notfallübungen durch. Dieses Versäumnis kann fatale Folgen haben, denn ungetestete Pläne wiegen in trügerischer Sicherheit.


Neben Übungen im kleinen Rahmen (Team-intern) sollten auch unternehmensweite Krisenszenarien durchgespielt werden. Etwa einmal jährlich empfiehlt es sich, einen umfassenden Notfalltest anzusetzen, inklusive realistischer Kommunikations- und Entscheidungsabläufe. Alle Beteiligten (Geschäftsführung, betroffene Abteilungen, ggf. externe Partner) sollten in die Simulation einbezogen werden. Anschließend erfolgt ein gründliches Debriefing bzw. Lessons Learned: Welche Maßnahmen haben funktioniert? Wo gab es Verzögerungen oder Unklarheiten? Die Erkenntnisse daraus fließen umgehend in die Überarbeitung des Notfallplans ein. Ebenso sollten personelle Veränderungen (z. B. neue Mitarbeiter in Schlüsselrollen) oder veränderte Rahmenbedingungen laufend berücksichtigt und die Pläne angepasst werden.


Über die technischen und organisatorischen Aspekte hinaus gilt es, eine widerstandsfähige (resiliente) Unternehmenskultur zu fördern. Das Management sollte den offenen Umgang mit Risiken vorleben und die Belegschaft für das Thema Notfallvorsorge sensibilisieren. Wenn Mitarbeitende wissen, dass es im Ernstfall einen Plan gibt und jeder seinen Beitrag kennt, stärkt dies das Vertrauen und reduziert panikartiges Verhalten im Krisenmoment. Insgesamt wird durch kontinuierliches Üben und Verbessern die Resilienz der Organisation spürbar erhöht, sie wird anpassungsfähiger, lernfähiger und kann auch unvorhergesehene Schocks besser abfedern.



8. Handlungsempfehlungen und strategischer Ausblick für mittelständische Unternehmen


Jedes Unternehmen, ob großer Konzern oder Mittelständler, ist letztlich nur so stark wie seine personellen Ressourcen. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im Jahr 2024 fielen in Deutschland insgesamt rund 881 Millionen Ausfalltage an, was geschätzten Produktionsverlusten von 134 Milliarden Euro entspricht. Hinter diesen makroökonomischen Werten verbergen sich unzählige Betriebe, die durch krankheitsbedingte Personalausfälle empfindlich getroffen wurden. Gerade in der Bau- und Immobilienbranche mit ihren oft eng getakteten Projekten und spezialisierten Fachrollen kann der ungeplante Wegfall eines Mitarbeiters gravierende Folgen haben, von Bauverzögerungen über Vertragsstrafen bis hin zu Sicherheitsrisiken auf der Baustelle.


Umso wichtiger ist es, proaktiv vorzusorgen, anstatt erst im Krisenfall zu reagieren. Die in diesem Beitrag dargestellten sieben Maßnahmen bieten einen praxisnahen Fahrplan, um die Betriebskontinuität auch bei Mitarbeiterausfällen zu sichern. Es zeigt sich, dass Notfallmanagement kein isoliertes HR-Thema ist, sondern integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie sein muss. Fach- und Führungskräfte sind gefordert, Risiken systematisch zu analysieren (Maßnahme 1) und organisatorisch wie technisch vorzubeugen, von Wissensmanagement und Vertretungsplänen bis hin zur Einbindung externer Ressourcen (Maßnahmen 2 bis 5). Ebenso dürfen Messbarkeit (Maßnahme 6) und kontinuierliches Training (Maßnahme 7) nicht vernachlässigt werden. Nur so entsteht ein ganzheitliches Notfallkonzept, das im Ernstfall trägt.


Besonders mittelständische Unternehmen sollten die Gelegenheit nutzen, aus den Erfahrungen der letzten Jahre zu lernen. Ereignisse wie die Corona-Pandemie oder überraschende Personalwechsel haben die Verletzlichkeit traditioneller Strukturen aufgezeigt. Während Großunternehmen oft über dedizierte Continuity-Manager und Budgets verfügen, kann auch der Mittelstand mit überschaubarem Aufwand erhebliche Fortschritte erzielen, etwa durch das Einrichten eines Notfallteams, regelmäßige Lagebesprechungen zu Worst-Case-Szenarien und die schrittweise Etablierung der genannten Maßnahmen. Wichtig ist vor allem der Kulturwandel. Weg vom Prinzip „Augen zu und durch“ hin zu einem bewussten, vorausschauenden Umgang mit Personalausfallrisiken.


Investitionen in Notfallvorsorge und organisationale Resilienz sind kein zusätzlicher Kostenfaktor, sondern ein wirksamer Beitrag zur langfristigen Sicherung der Unternehmensleistung. Organisationen, die systematisch auf den Ausfall von Mitarbeitenden vorbereitet sind, handeln auch in Ausnahmesituationen strukturiert, entscheidungsfähig und mit der notwendigen Ruhe. Diese Fähigkeit wirkt sich unmittelbar auf Projektstabilität, Termintreue und wirtschaftliche Ergebnisse aus.


Darüber hinaus entsteht ein nachhaltiger Wettbewerbsvorteil. Unternehmen mit klar geregelten Vertretungsstrukturen, belastbarer Wissensbasis und geübten Notfallprozessen werden von Auftraggebern, Investoren und Geschäftspartnern als verlässlicher wahrgenommen. Eine vorausschauende Notfallplanung ist damit Ausdruck professioneller Unternehmensführung und gelebter Verantwortung gegenüber Mitarbeitenden, Projekten und Kunden.


Bau- und Immobilienunternehmen, die bereits heute gezielt Strukturen für ein wirksames Notfallmanagement etablieren, erhöhen ihre Anpassungsfähigkeit in einem zunehmend volatilen Marktumfeld. Sie schaffen die Voraussetzungen dafür, auch unter unsicheren Rahmenbedingungen stabil zu wachsen und ihre Handlungsfähigkeit dauerhaft zu sichern.



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